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Tag 24: Bootsfahrt nach Manaus

18. September 2023

Rechtzeitig wie geplant verlassen wir um kurz nach 3 Uhr unsere Basisstation in Santarem.
Der EMBRAPA-Pickup fährt dreimal die knapp 5 Minuten bis zu der Stelle auf der Strandstraße, von der es über einen Steg von vielleicht 50 Metern bis zum Check-in-Schalter geht.

Als wir gegen 3.30 Uhr alles dorthin verbracht haben, warten schon die ersten Passagiere, dass sich das eiserne Tor öffnet, hinter dem die eigentliche Abfertigung stattfindet. Es ist das gleiche Personal wie auf der Hinfahrt.

Aleksander kümmert sich zusammen mit Ithalo, Diego und Esmael um die notwendigen Formalitäten. Da wir erst kurzfristig umgebucht haben, gibt es Doppelbuchungen für einzelne Plätze. Dieses Problem lässt sich aber schnell klären.

Es dauert eine ganze Weile, bis all unsere Alu-Kisten, der Running-mate und die Rücksäcke ihren Platz unter Deck bzw. im hinteren Teil des Schiffs gefunden haben.

Um 10 Minuten nach 5 Uhr legen wir in Santarem ab und stechen mit der ANNA KAROLINE VI, einem klapprigen, stark lädierten und gnadenlos dröhnenden Seelenverkäufer, der jede Kommunikation außerhalb des Fahrgastraumes im Keim erstickt, in den offenen Amazonas bergwärts Richtung Manaus.

Nach einer guten halben Stunde geht über dem Amazonas die Sonne auf.
Sonnenauf- und untergänge sind immer wieder ein Naturereignis, das die Menschen überall auf der Erde seit jeher fasziniert.
Hier – inmitten der unbeschreiblichen Weite des tropischen Regenwaldes und des gigantischen Amazonas – übt er aber eine Faszination aus, die selbst hartgesottenen Realisten ans Herz geht.

Christoph, Tigi, Reinhard, Gerald und Jakob lassen sich diesen einzigartigen Moment des Zusammenseins mit der Erhabenheit der Natur nicht entgehen.
Wie klein und unbedeutend wir doch sind!
Sie können sich daran kaum satt sehen und versuchen, das Erlebnis durch – viel zu viele – Fotos und Videos festzuhalten, obwohl sie wissen, dass diese zwar die Erinnerung an sich wachrufen, aber nicht den eigentlichen Moment des Erlebens nachbilden können.

Zurück auf dem Platz. Gleich gibt es Frühstück – ein weiches Bötchen mit Rührei, Käse und gekochtem Schinken, dazu frisches Obst und süßen Milchkaffee.

Wir vertreiben uns die Zeit. Da hat jeder so seine Vorlieben – Lesen, Musik hören, essen, miteinander sprechen, vereinzelt auch mit anderen Fahrgästen, soweit diese (etwas) Englisch können, Fotos und Videos machen oder einfach nur schlafen. Die meisten machen von jedem etwas.

Um 11.30 Uhr gibt es gegen Bezahlung Mittagessen – Rindfleisch oder Hühnchen mit Reis, Nudeln und Manjok. Das Essen wird hier an Bord während der Fahrt von „Jack“ – so steht es jedenfalls auf dem Rücken des straffen T-Shirts der Köchin – frisch mit Leggings und Badelatschen zubereitet und in Styropor-Näpfen mit Plastikbesteck serviert!

Um 12 Uhr erreichen wir Parintins. Hier wird der Amazonas zum Meer – 5 km breit. In der Regenzeit hat der Amazonas mit all seinen Nebenarmen eine Breite von bis zu 60 Kilometern, also die Entfernung von Frankfurt Flughafen bis zur JLU in Gießen!
Einfach unglaublich!

Gerald entdeckt im Hafen überraschend zwei graue Delphine.
Eine kleine Armada von fliegenden Händlern stürmt die ANNA KAROLINE – „ó o queijo, ó o queijo, ó o queijo!“ – „Hier ist Käse!“, aber auch frittierte Bananen und Undefinierbares – eine Mischung aus Zuckerwatte und Popcorn – finden dankbare Abnehmer.

Die Tauchpumpe, die Wasser aus dem Motorraum über ein Plastikschlauch nach hinten über Bord pumpt, arbeitet seit mehreren Stunden zuverlässig, ohne dass der Wasserstrahl an Dynamik verloren hätte. Das Besatzungsmitglied in Badeschlappen daneben lächelt dennoch immer noch freundlich – und ich hoffe, auch zuversichtlich.

Derweil lacht es vor uns aus den Sitzen. Anlass ist irgendeine Film auf RTL 2-Niveau, mit dem sich das Forscher-Trio auf einem Laptop die Zeit tot schlägt und über die sie vermutlich zuhause – in ihrer professionellen Community zur Weltrettung – nur mitleidig die Nase rümpfen würden.
Okay, Wissenschaftler – zumal fern der Heimat – sind auch nur große Jungen.

Mittlerweile ist es 15.00 Uhr, die Durchschläfer, aber auch die gemeinen Mittagsschläfer sind aufgewacht und versuchen vergebens aus der seit Stunden leeren Kaffeekanne letzte Tropfen zu pumpen.
Aber stilles und kühles Wasser gibt es immer noch ausreichend…

Aufatmen! Die Tauchpumpe hat ihre Arbeit erledigt – vorerst jedenfalls. Vorsichtshalber wurde jedoch das komplette Equipment für eine kurzfristige Reaktvierung an Ort und Stelle belassen…

Der Kaffedurst steigt. Die nette, junge Marketenderin, die oberhalb des Maschinenraumes nahezu die ganze Zeit bei einem Lärmpegel vergleichbar mit dröhnendem Flugzeuglärm flegmatisch und unverdrossen ihren Geschäften neben unseren Alu-Kisten nachgeht, signalisiert mit ihren Armen – eine mündliche Verständigung an dieser Stelle wäre ohnehin zwecklos – dass Jack’s Kaffee in der Mache ist.
Tatsächlich – nur wenige Minuten später bringt sie eine volle Kanne zurück an ihren angestammten Platz auf dem Regalbrett neben der Männertoilette. Und alle, die der Kanne nahe stehen, sind klar im Vorteil: Sie bekommen einen kleinen Plastikbecher voll des heiß-ersehnten Geschmacks und Wachmachers.
Nie war ein Kaffee so wertvoll wie heute!

Um 16.00 Uhr ist die Wachphase bei einem Teil der menschlichen Ladung schon wieder erkennbar im Keller, auch bei denen, die sich einen Schluck aus der Pumpkanne gegönnt haben.
Die Überlegungen jetzt konsequent die Getränkart und -temperatur zu wechseln, verfestigen sich. Gekühltes „Skol“ in 269ml-Dosen aus der Truhe der Marketenderin sind – zumindest jetzt noch – ausreichend vorhanden; aber die Fahrt dauert ja auch noch gute 8 Stunden!

Jetzt, kurz nach 17.00 Uhr, begeben wir uns langsam wieder in die Lärmzone, um den Sonnenuntergang nicht zu verpassen.
Die Sonne steht noch hochrot am Himmel und lugt zwischen den Wolken hervor.
Das ändert sich jedoch innerhalb weniger Minuten, dann verschwindet sie hinter einem Wolkenvorhang, vor den sich noch die Bäume am Rande des Amazonas schieben.

Um kurz nach 18.00 Uhr geht die Fahrt dann weiter durch die dunkle Amazonas-Nacht.

Um 18.30 Uhr erreichen wir Itacoatiara – noch 4 Stunden bis Manaus!
Nur 4 Minuten Stopp, dann geht’s drönend weiter!

Um 19.00 Uhr gibt es Abendessen.
Die meisten wollen nur noch ein Käsesandwich, die Tigi für uns alle herbeiholt.
Reinhold ruft nochmal Infos von seiner Komoot-App ab.
Die aktuelle Geschwindigkeit beträgt gut 38 km/h, die Durchschnittsgeschwindigkeit 36,8 km/h.

Auf dem Schiff wird das Licht ausgeknipst. Nur vom Standbild der ausgeschalteten Info-Bildschirme und aus der Lärmzone sowie – gelegentlich – von draußen wird der Fahrgastraum ein wenig erhellt. Allgemeine Müdigkeit hat jetzt kurz vor 22.00 Uhr eingesetzt und auch die wackersten Amazonas-Beobachter vom Bug in die Sitze vertrieben.
Die Reise über den Amazonas neigt sich langsam dem Ende.

Um 23.45 Uhr kommen wir sicher und wohlbehalten, müde und glücklich in Manaus an!
Wir haben eine Vielfalt von Eindrücken einer kaum zu beschreibenden Reise hinter uns, die trotz des gleichförmig-dröhnenden Diesel-Motorengeräuschs einzigartige Erlebnisse vom Amazonas, vom Regenwald und vom Geschehen an Bord lieferte und uns allen, die die Gelegenheit hatten, daran teilnehmen zu können, für immer in Erinnerung bleiben wird.

Obrigado ANNA KAROLINE!
Obrigado Amazonas!
Obrigado Brasil!

Wir müssen das gesamte Equipment vom
Steg über eine steile Eisentreppe zur Strandpromenade hoch wuchten. Dort laden wir alles in einen EMBRAPA-Bus ein, der – völlig überfüllt – uns und das gesamte Gepäck um 00.30 Uhr im Hotel ablädt, wo wir drei Doppelzimmer beziehen.

Morgen beginnt die letzte Phase unserer vierwöchigen Amazonas-Expedition.
Wir wollen die verbleibende Zeit vor allem nutzen, die Forschungsvorhaben durch Besuche und Informationsgespräche bei und mit den zuständigen Behörden und Institutionen abzurunden und die Zusammenarbeit weiter auszubauen.