8. September 2023
Nach einer erholsamen Nacht im klimatisierten Dreibettzimmer und einen guten Frühstück werden wir um 8 Uhr von Aleksander und Mario abgeholt und fahren nach einer Besprechung der heutigen Vorhaben die 40 km bis zum EMBRAPA-Institut. Dort treffen wir gegen 9.30 Uhr ein.
Die benötigte Ausrüstung, die wir in Aleksanders Büro gelagert hatten, laden wir den EMBRAPA-Transporter ein.
Alexander und Christoph gehen zum Generaldirekor von EMBRAPA Manaus, Herrn Everton Rabelo Cordeiro und klären offene Fragen und erledigen notwendige Formalitäten.
Herr Cordeiro macht keinen Hehl daraus, dass unsere Anliegen ihm Probleme und Ärger eingebracht haben, signalisiert aber „alles okay!“.
Nach einer knappen halben Stunde begüßt er uns alle – trotz der Probleme, die er wegen uns hat – sehr herzlich. Es wird ein angenehmes und freundschaftlich-vertrauensvolles Gespräch, das zeigt, dass wir uns übereinstimmend der Problematiken und der Bedeutung von Untersuchungen im unberührten Regenwald einig sind.
Herr Cordeiro zeigt uns anschließend seine Sammlung von Gerätschaften, Urkunden und Bildern, die auch die Bedeutung des EMBRAPA-Instituts unterstreichen.
Nach dem obligatorischen Gruppenfoto geht er mit uns in den Garten und erklärt uns die dortige Vegetation anhand ausgewählter Bäume und Pflanzen.
Ein besonders Anliegen ist ihm uns den Baum zu zeigen, den Ex-Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, die damalige Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, anlässlich ihres Besuchs des EMPRAPA-Agrarforschungsinstituts Manaus im Jahre 1997 gepflanzt hat.
Das verdorrte Exemplar, so erklärte er uns, sei vor Jahren leider eingegangen…
Nachdem wir den längeren Rundgang durch die Liegenschaft beendet haben, fahren in das nahe gelegene „Reserva Forstal Adolpho Ducke“.
Nach ca. 2 km erreichen wir das Base-Camp, einen Gebäudekomplex, der Ausgangspunkt für unsere Forschungsvorhaben ist. Dort beladen wir einen EMBRAPA-Pickup mit unserer Ausrüstung. Der Weg zu unserer vorgesehenen Untersuchungsfläche auf einer Anhöhe führt über einen kleinen Fluss, über die zwei Planken für die Kfz.-Überquerung gelegt wurden. Alle müssen aus- bzw. absteigen, da die Gefahr besteht, dass diese die Gesamtlast nicht trägt. In Zeitlupe überquert unser der Pickup das wacklige Konstrukt. Danach dürfen wir wieder aufsteigen.
Nur unter Schwierigkeiten gelingt es, mit dem Pickup unter den tiefhängenden Ästen hindurch zu tauchen. Alles geht gut bis zu einer Senke. Dort bleibt das Gefährt mit uns und seiner üppigen Beladung im Urwaldschlamm stecken. Nichts geht mehr! Auch der Versuch, Äste unterzulegen, nützt nichts; der Pickup gräbt sich immer tiefer ein.
Wir müssen einsehen, dass wir die letzten 300 m alles schleppen müssen. Mit Hilfe eines zweiten Pickups und eines Traktors gelingt es nach einigen Stunden, die Havariestelle wieder freizuräumen.
Zwischenzeitlich wurde der ausgesuchte Plot markiert und mit den Messungen begonnen. Alles klappt reibungslos. Das Bohrteam stellt auf der Fläche 29 Bäume mit einer Größe von mehr als 10 cm Durchmesser fest. Der Baumbewuchs ist damit dichter, die Bäumhöhe und -umfänge deutlich größer als auf den Flächen zuvor.
Einer der Baumriesen hat mit 102 cm den größten bisher gemessenen Durchmesser überhaupt.
Der Baumbestand ist kennzeichnend für einen Primärwald, der mindestens 250 Jahre alt ist.
Als wir um kurz vor 17.00 Uhr mit dem zweiten Pickup zurückfahren, macht uns Ithalo, der vor uns geht, direkt in einer Böschung am Wegesrand auf eine Vogelspinne aufmerksam, die uns alle sofort elektrisiert.
Sie bewegt sich nicht, sondern wartet auf ihre Opfer in der Dunkelheit. Erst auf ganz leichte Berührung mit einem Stöckchen schießt sie aus der Erdlochöffnung hervor und schnappt zu.
Das Exemplar ist mehr als 12 cm im Durchmesser groß, mit ausgestreckten Beinen dürften es gute 20 cm sein.
Nach dieser unverhofften Einlage geht die Fahrt zurück bis zu der Flussquerung in der Nähe der Basisstation. Den Rest gehen wir zu Fuß.
Christoph und Gerald suchen sich zur Übernachtung einen passenden Raum für ihre Hängematten, danach fahren wir alle mit dem EMBRAPA-Bus und in Alexanders Jeep zu einem der wenigen Schnellrestaurants, die am heutigen Feiertag, dem 201. Unabhängigkeitstag Brasiliens, geöffnet haben.
Danach geht’s zurück ins Hotel, für Christoph und Gerald in die Hängematten im Ducke-Forest.
Allerdings nicht allzu lange! Um 10.30 p.m. muss der Generator nachgetankt werden. Mit Stirnlampen und einer Machete bewaffnet, machen sie sich auf den 2 km langen Weg durch den dunklen, aber sternenklaren Urwald.
Nach Erledigung der üblichen Arbeiten am Plot gehen sie langsam zurück und entdecken zu ihrer Überraschung eine Vielzahl nachtaktiver Waldbewohner: unterschiedliche Spinnenarten wie verschiedene Jagdspinnen im Vogelspinnen-Format, Heuschrecken, kleine Frösche, einen 5 cm-langen Skorpion und mehrere Geiselspinnen, deren vorderstes Beinpaar zu Fangarmen umgestaltet ist.
Der Höhepunkt all dessen war allerdings eine mehr als 100 m (!) lange Blattschneiderameisen-Straße auf dem Forstweg.
Am nächsten Tag war diese wie von Zauberhand verschwunden. Lediglich eine ca. 15 cm breite, von Blättern freigeräumte „Schneise“, ähnlich einer Reifenspur, war auf dem Weg noch sichtbar.
Der Weg führt zu einem unscheinbaren 5 x 8 m großen Bau, ähnlich einem 5 x 8 m großen Sandhaufen, in den die geernteten Blattschnipsel hineingetragen werden.
Die fleißigen und „schlauen“ Kleinstlebewesen legen dort mit den Blattschnipsel eine Pilzkultur an, von der sie sich ernähren.
Ein faszinierendes Schauspiel, das sich dem aufmerksamen Beobachter zu nachtschlafener Zeit zeigt und erschließt.
Aufmerksamkeit erregen bei den beiden Naturforschern zudem
„Klopfgeräusche“, die an Regentropfen erinnern, wenn diese auf trockene Blätter fallen.
Bei genauer Inaugenscheinnahme zeigt sich, dass die beiden Nachtwanderer auf einer Termitenstraße stehen und diese mit ihren Köpfen auf die trockenen Blätter trommelten (schlugen). Dadurch schlagen diese „Alarm“, um vor den ungebetenen menschlichen Eindringlingen in ihren Hoheitsbereich zu warnen.
Wegen dieser besonderen Krabbelerlebnisse brauchen Christoph und Gerald eine geraume Zeit, bis sie endlich in den verdienten, wenn auch nicht mehr allzu langen, Schlaf fielen, da sie gegen 4.30 Uhr vom lauten
Geräusch von Zikaden geweckt wurden.